Unsere Orgel

 

 

Prof. Dr. Karl-Jürgen Kemmelmeyer hat uns zur Geschichte der Kirche und ihrer Orgeln in der der St.-Andreas-Kirche Lübbecke einen längeren Forschungsbeitrag verfasst. Die originale Fassung (Stand Juni 2018), die alle Quellen- und Bildnachweise sowie viele Bilder und Erläuterungen auch zu anderen Orgeln enthält, finden Sie hier als Pdf-Datei.

Die Orgel, die „Königin der Instrumente“ ist wohl das kompliziertes und größte Instrument, das die Menschheit hervorgebracht hat. Wer eine kurze Darstellung der Technik des Orgelbaus lesen will, findet sie auf unserer Homepage unter der Rubrik „Kleine Orgelbaukunde“

Einen Auszug zur Geschichte der Orgeln in der St.-Andreas-Kirche aus dem Forschungsbeitrag finden Sie im folgenden Text. (Alle Bild- und Quellenangaben im Hauptbeitrag.)

 

 

Karl-Jürgen Kemmelmeyer

Zur Geschichte der Orgeln in der St.-Andreas-Kirche Lübbecke

(Auszug)

 

Kreiskantor Heinz-Hermann Grube unserer Orgel

Orgeln sind heute nicht nur ein Instrument der Liturgie und ihrer konzertanter Kirchenmusik, sondern sie entwickeln auch eine kulturelle Anziehungskraft weit über die Region hinaus. Orgeln künden von der Kulturverbundenheit und Wirtschaftskraft einer Stadt oder Region – sie setzen ein über Jahrhunderte gültiges, klingendes Kulturzeichen für die Nachwelt. Wer heute den Innenraum der St.-Andreas-Kirche in Lübbecke betritt, lässt sicher auch den Blick bei der Westwand mit der Empore verweilen, auf der ein Orgelgehäuse aus dem 17. Jahrhundert mit seiner Farbigkeit und klaren Gliederung harmonisch das Mittelschiff abschließt. Dieses historische Orgelgehäuse ist heute von besonderem Wert.

Mit dem wohl einzigen erhaltenen Gehäuse des Orgelbauers Cord-Krüger (Minden), entstanden um 1635, besitzt die St.-Andreas-Kirche ein Kulturdokument, dessen besondere Bedeutung für die Geschichte des Orgelbaus in Norddeutschland erst in den letzten zwei Jahren durch neuere Forschungen erkannt wurde: Cord Krüger (Kröger) aus Minden baute mit seiner Werkstatt 1635-42 in St. Lamberti in Oldenburg die damals größte Orgel (nicht erhalten) im norddeutschen Küstenraum, die erst durch Orgelgroßbauten von Arp Schnitger überboten wurde. Cord Krüger steht am Beginn eines norddeutschen Technologie-Transfers im Orgelbau, der sich über eine direkte Folge von Meistern zu Meistergesellen bis hin zu Arp Schnitger nachweisen lässt, mit dem die norddeutsche barocke Orgelbaukunst erstmals ihren Höhepunkt fand. Sie gilt noch heute weltweit als vielgerühmtes Vorbild für den Orgelbau.

Seit 2016 arbeiten die Kirchengemeinde St. Andreas und der Orgelbauverein Lübbecke e. V. zusammen an dem Projekt eines Orgelneubaus unter Verwendung des historischen Gehäuses. In diesem Zusammenhang entstand auch erneut das Interesse an der Geschichte der Kirche und ihrer Orgeln. Der Verfasser konnte in Lübbecke die Restaurierung 1959-1962 der Kirche einschließlich Umbau der Orgel genau mitverfolgen, fotografieren, mit den Restauratoren und Zeitzeugen sprechen und alle damals bekannten Quellen einsehen – diese Erkenntnisse schrieb er 1959 auf und legte dazu auch ein Archiv aus seltenen Bildern und Quellen an. Seine Forschungen 2017-2018 brachten neue Erkenntnisse zu Tage, sodass wir heute nun ein etwas klareres Bild von der Geschichte der Lübbecker Orgeln haben. (Zur ausführlichen Diskussion der Quellenlage mit Chronologie siehe den o.a. Forschungsbeitrag von Kemmelmeyer als pdf-Download.)

 

Spätrenaissance: Eine frühe Orgel in der St. Andreas-Kirche

Bereits 1496 wird in den Akten ein Organistenamt an der St.-Andreas-Kirche erwähnt. Später finden sich auch in den Archiven Angaben, dass Organisten in Lübbecke ein eigenes Haus in der Nähe der Kirche hatten und neben dem Orgeldienst auch für Musik bei Festen und anderen Veranstaltungen in der Stadt Lübbecke verantwortlich waren. Es handelt sich dabei um den in Städten verbreiteten Beruf des „Stadtpfeifers“, die mehrere Instrumente spielten und bei der Stadt angestellt waren – einen Beruf, den auch die Bachs über mehrere Generationen bis hin zu Johann Sebastian Bachs Vater Johann Ambrosius ausübten.

Bei dem Instrument wird es sich wohl um eine kleinere einmanualige Orgel oder ein Positiv gehandelt haben, das vermutlich im Chorraum in der Nähe des Pfeilers aufgestellt war – ähnlich wie das Führer-Positiv von 1957. 1592 hat ein Orgelbauer Meister Joist an dieser Orgel gearbeitet; er wird auch in Akten anderer Kirchen erwähnt. Vermutlich war es ein Niederländer, denn besonders in den Niederlanden hatte der Orgelbau große technologische Fortschritte gemacht, und niederländische Orgelbauer arbeiteten auch im östlichen Westfalen. Dabei spielten die Baders, eine niederländische Orgelbauerfamilie von europäischem Rang, eine bedeutende Rolle. Organologen vermuten heute, dass auch Cord Krüger (Kröger) bei ihnen das Orgelbauerhandwerk gelernt hatte und dort Geselle war.

 

Barock: Die Cord-Krüger-Orgel und ihre besondere Bedeutung

Leider ist die Quellenlage zur Lübbecker Orgel sehr lückenhaft. Die Geschichte der Lübbecker Orgel erweist sich daher als ein spannendes Puzzle aus wenigen originalen Quellen und vielen, zufällig gefundenen Einzelstücken, die erst im Zusammenfügen einen Sinn ergeben und uns nun heute ein klareres Bild von der Lübbecker Orgel vermitteln.

Die früheste bekannte Originalquelle, die wir heute kennen, ist das abgebildete Kirchenbuch von 1664 [StadtAL A 336 Bl. 155‘]. Dort heißt es unter der Rubrik „Organistendienst und Besoldung“: A(nn)o 1628 ist die Jetzige orgel von Mei(ster) Cord Krüger gebauet Und ihm dafür in Verwendung in archivo Vorhandenen Contracts versprochen 800 R(eichs)thaler.“ Es ist nur eine alte Sekundärquelle, die aber den Hinweis auf den damals im Stadtarchiv vorhandenen Contract (Vertrag) enthält und damit glaubwürdig wird. Viele Lübbecker Akten wurden im Dreißigjährigen Krieg bei Plünderungen verschleppt, beim Brand des Rathauses 1705 vernichtet oder auch im Zeiten Weltkrieg und danach weiter verstreut. Durch Forschungen 1965 von Prof. Dr. Rudolf Reuter (damals Orgelforschungsstelle der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster) zur Geschichte der Orgeln Westfalens kam sehr viel Quellenmaterial zutage, aber erst ab 2017 konnten weitere Spuren und Quellen verbunden werden, die zu neueren gesicherten Erkenntnissen über die Lübbecker Orgel führten.

Von besonderer Bedeutung für Rückschlüsse auf die Entstehungszeit, Größe und den Aufstellungsort der Lübbecker Orgel ist die Erwähnung der 800 Reichsthaler im Kontrakt zwischen der Stadt Lübbecke und dem Orgelbauer Cord Krüger (Kröger) sowie die im Orgelgehäuse erhaltenen brandenburgisch-preußischen Adler. Lange bestand die Auffassung, dass die Lübbecker Krüger-Orgel erst als einmanualiges Werk unten in der Kirche aufgestellt war und bis 1655 auf der heutigen Empore aufgestellt und um ein Brustwerk erweitert wurde. Denn: Im Kirchturm auf Höhe der heutigen Orgel befindet sich eine ehemals landesherrschaftliche Kapelle, die um die Zeit des Baues der Orgel akustisch noch mit Rundfenstern zum Innenraum der Kirche verbunden war.

Das Recht auf die Nutzung dieser Kapelle durch den Landesherrn in Minden, den katholischen Bischof Franz Wilhelm von Wartenburg, erlosch definitiv 1650. Seit 1648 war für Lübbecke das protestantische Brandenburg-Preußen als Regierung zuständig, das – wie wohl auch die Bürgerschaft der Stadt Lübbecke – wohl kaum noch Interesse an dieser Kapelle und ihrer Rechte hatte, zumal Bischof Wartenburg ab 1635 aktiv in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges verstrickt war – auf kaiserlich-katholischer Seite! Warum sollten die Lübbecker also nicht eine große Orgel mit Empore gleich an die Westwand gebaut haben, zumal unten in der Vierung die Priechen der Adeligen, die 1904 noch vorhanden waren, weder für Aufstellungsort und Balganlage der Springladen-Orgel Platz boten. Wegen Belagerungen und Kriegsschäden in Lübbecke war auch die für den Orgelbau zuständige Stadtkasse meist leer. Die brandenburgisch-preußischen Adler im Orgelgehäuse lassen darauf schließen, dass die Orgel erst in der Zeit der brandenburgisch-preußischen Regierung vollendet wurde, also frühestens ab 1648.

Weiterhin kamen in Preußisch Oldendorf und in Celle vollständig erhaltene Orgelkontrakte aus dem 17. Jh. zutage, die genaue Aufzeichnungen zu Kosten, Material und Größe der Orgeln enthielten und uns damit Primärquellen als Material für Vergleiche und Berechnungen bieten. Vom Bau der Hermann-Kröger-Orgel in der Stadtkirche St. Marien Celle ist aus der Orgelbauerwerkstatt der Krügers (Krögers) aus Minden eine genaue Liste der Materialien überliefert, die die Stadt Celle selbst auf eigene Kosten zu besorgen hatte – man darf vermuten, dass Cord Krüger in Lübbecke ähnlich verhandelt hatte. Weiterhin war Cord Krüger bei Vertragsabschluss 1628 um die 28 Jahre alt und ein junger aufstrebender Orgelbauer, der sich beim damaligen „Orgelbauboom“ einen Platz auf dem Markt erobern wollte und daher einen guten Pauschalpreis machte – ähnlich, wie es Gottfried Silbermann und Friedrich Ladegast später auch zu Anfangs getan haben.

 

Abb. 1: Gehäuse der Orgel in Preußisch Oldendorf. Antonius Bischof um 1663 (I P 10)

Von besonderer Bedeutung erweist sich der bis 2017 nicht beachtete, mit dem Orgelbauer Antonius Bischof aus Offelten 1663 abgeschlossene Kontrakt zum Bau einer Orgel in der Kirche in Preußisch Oldendorf seitwärts auf einer eigenen Empore (Abb.: 1). Für insgesamt 340 Reichsthaler, davon 40 Thaler für Wein und Verpflegung, erhielten die Oldendorfer ein Instrument mit 10 Registern, angehängtem Pedal und vier Bälgen. Die Größe bzw. der Platzbedarf der Schöpfbälge ist überliefert: Vier Bälge je L x B 2,40 x 1,20 Meter.

Auch die Angabe der Größe der Bälge ist interessant und gibt uns Hinweise: Die St.-Andreas-Kirche wird wegen der Priechen (Emporen) der „Lübbecker Prominenz“, die in der Nähe zum Chorraum ihre Stammplätze hatten, einfach keinen Platz für eine einmanualige Orgel mit 10 Registern und 8‘-Prinzipal im Prospekt gehabt haben. Hinzu kommt, dass die Springladenbauweise Krügers zusätzlich auch eine recht große Tiefe des Gehäuses verlangte, weil man die Springerklötze zur Reparatur ganz herausziehen musste. Und die Lübbecker Prominenz wäre sicherlich nicht begeistert davon gewesen, wenn in ihrer Nähe schnaufende Bälgetreter ihnen den Genuss des Orgelklangs eingeschränkt hätten.

Und noch ein Argument: Es wurde schon erwähnt, dass die Kapelle in Kirchturm mindestens ab 1634, wenn nicht schon früher, vom katholischen Mindener Bischof nicht mehr genutzt wurde. Kurz:  Warum also sollte man nicht die Orgel gleich in Kapellenhöhe auf einer Empore aufstellen, wo sie bestens zur Wirkung kam, und die Balganlage mit mindestens vier Bälgen gleich dahinter, in der nun nicht mehr genutzten Kapelle, mit weniger hörbaren Geräuschen bei Betrieb! Der Mindener Bischof, bei den protestantischen Lübbeckern sowieso nicht mehr akzeptiert, hätte kaum mehr eine Chance gehabt, seine Rechte an der Kapelle durchzusetzen. Heute nennt man so etwas „realpolitisches Handeln“.

Und nun rechnen wir mal: Wenn 1660 eine einmanualige Orgel wie in Preußisch-Oldendorf 340 Reichsthaler kostete, und der Rat der Stadt Lübbecke um 1628 eine Orgel für die Pauschalsumme von 800 Reichthalern bei Cord Krüger in Auftrag gab, so wird diese Orgel wesentlich größer als die in Oldendorf gewesen sein:

Der Preis der Oldendorfer Orgel (300 Rthl. plus 40 Rthl. für Wein und Verpflegung = 340 Rthl.) betrug gegenüber dem Preis der Lübbecker Orgel (800 Reichsthaler) 42,5 Prozent der Lübbecker Orgelbau-Summe. Da muss die Lübbecker Orgel doch wesentlich größer gewesen sein!

Wenn man bedenkt, dass man damals in Oldendorf für 340 Reichsthaler das Gehäuse, die Balganlage, das Regierwerk für Manual und Pedal und im Hauptwerk 10 Register (1 16‘ Holz, 2 8‘ Metall, 1 8‘ Holz, 2 4‘ Metall, 5 Pfeifenreihen ab 2 2/3‘- 1/2‘ Metall, 1 herstellungsaufwändige 8‘-Trompete) erhielt, so standen bei 800 Talern für Lübbecke noch 57,5 Prozent der Summe für weitere Teile der Orgel zur Verfügung: Etwas mehr Gehäuse-Aufwand, eine Pedal-Springlade mit nur 4 Pedalregistern (16‘ Holz, 8‘ Metall, 16‘ Zunge, 2‘ Zunge), ein zweites Manual als Brustwerk, das mit seiner Schleifladen-Technik gegenüber der Springlade des Hauptwerks und des Pedals wesentlich weniger Herstellungsaufwand benötigte und mit 7 Registern (1 8‘ Holz, 1 4‘ Metall, 5 Pfeifenreihen von 2‘ bis 1/2‘ aus Metall) auch viel weniger Metall als das Hauptwerk verbrauchte – das alles war für den Preis damals realisierbar.

Auch ein in den Lübbecker Akten 1655 vermerkter, geliehener Betrag von 100 Reichthalern im Jahr 1655 für Arbeiten an der Orgel ist kein Beweis für die Umsetzung der Orgel und ihre Erweiterung um ein Rückpositiv. Henrich Kröger (Krüger?) aus Nienburg, wo die Krögers damals ihre Niederlassung hatten, führte die Arbeiten aus. Vermutlich war er – wie Hermann Kröger – ein Mitglied der Orgelbauer-Familie, der nun das erste größere Werk des verstorbenen Firmen-Seniors Cord in guten Zustand hielt, zumal auch der Krieg nun vorbei war. Die 100 Thaler werden keinesfalls ausgereicht haben, um den Abbau der (kleineren?) Orgel und neuem Wiederaufbau einschließlich Vergrößerung des Gehäuses auf der Empore und Einbau eines Brustwerkes ausgereicht haben, da neben dem Abbau, Transport und Wiederaufbau neue Laden, ein neues Brustwerk mit Pfeifen, eine zweimanualige Klaviatur mit Pedal und für beides eine neue Traktur mit Wellenbrettern und Registersteuerung zu bauen gewesen wären. Kröger hat vermutlich die Traktur justiert, die Orgel komplett gereinigt und gestimmt, alle Lederteile der Tonkanzellen, Springerklötze und Bälge überprüft bzw. erneuert und vielleicht auch die Adler-Gitter eingebaut – das alles war reichlich Arbeit für den Preis!

 

Aus all diesen Fakten und unter Einbezug orgelbautechnischen Wissens können wir heute als gesichert feststellen:

  • 1628 schloss die Stadt Lübbecke mit dem Orgelbauer Cord Krüger (Kröger) einen Vertrag zum Bau einer Orgel von 21 Registern auf zwei Manualen und Pedal ab, die für die Pauschalsumme von 800 Reichsthalern erstellt werden sollte. Außer Chorraum und landesherrliche Kapelle, die vom Stift St. Andreas verwaltet wurde, hatte die Stadt Lübbecke das Patronat (Verwaltungshoheit) über das Bauwerk und die Innenausstattung der Kirche, zu der auch die Orgel gehörte; daher war sie auch als Auftraggeber für den Orgelbau zuständig.
  • Cord-Krüger hatte die Orgel geplant und nach Vertragsabschluss sicherlich auch mit ersten Arbeiten an der Lübbecker Orgel in seiner Werkstatt in Minden begonnen. Der Lübbecker Orgelprospekt zeigt noch – wie in der Marienkirche in Lemgo – die aus den Niederlanden stammende ältere Bauweise, bei der die großen und kleinen eher unansehnlichen Pedalpfeifen hinter einer schön gestalteten Gitterwand – in Lübbecke mit den Adlern – versteckt wurden. Wir erinnern uns: Cord Krüger hatte ja vermutlich bei den niederländischen Baders gelernt, und die Orgel in Lübbecke war wohl einer der ersten größeren Aufträge für den nun selbständigen Meister, wenn nicht sogar der erste.
  • Der Bau einer für die damalige Zeit großen Orgel, wie es der Kontrakt vorsah, beanspruchte damals ca. 3-4 Jahre, eventuell auch länger. Kriegswirren mit Besetzungen und Plünderungen in Lübbecke, chronische Finanzprobleme der Stadt und Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung von Eichenholz, Blei, Zinn, Draht und Elfenbein – auch bei den marodierenden Söldnertrupps begehrte Materialien – werden Herstellung und Aufbau der Orgel behindert haben.
  • 1635-1642 baute die Krüger-Werkstatt (Cord und Hermann Krüger sind hier in den Akten genannt) in Oldenburg für die St.-Lamberti-Kirche die damals größte Orgel Norddeutschlands (3 Manuale und Pedal) und war sehr beschäftigt. Cord Krüger verstarb 1641, Hermann führte 1642 den Bau der Oldenburger Orgel zu Ende. Ab 1642 war die Stadt Lübbecke auch geringer von Kriegslasten betroffen.
  • Die brandenburgisch-preußischen Adler in der Rückwand des Orgelgehäuses und seine Größe selbst weisen darauf hin, dass die Orgel erst frühestens ab 1648 vollendet wurde. Die Adler sind als eine Huldigung an die ab 1648 geltende, neue protestantische Herrschaft Brandenburg-Preußens zu verstehen. Auch die Fratzen in den Schleierbrettern des Hauptwerks scheinen der vergangenen Herrschaft eines katholischen Bischofs „eine Nase zu drehen“, wenn evangelische Choräle und die Orgel erklangen – damals waren in Kunstwerken versteckte Symbole und Anspielungen sehr beliebt.
  • Wir können also als gesichert festhalten, dass Planung und Kontrakt zu einer großen Orgel für die St.-Andreas-Kirche in Lübbecke 1628 abgeschlossen wurden und sie einschließlich Aufbau auf der Orgelempore spätestens 1655 durch die Orgelbau-Werkstatt der Krügers vollendet war.

Die Cord-Kröger-Orgel war von so guter Qualität, dass ihr „reiner und kräftiger Ton“ aktenkundignoch 1739 und im 19. Jh. eigens gelobt wurde. Immerhin: Bis 1904 war sie, begleitet nur von kleineren Reparaturen und geringfügigen Umbauten und nach rund 250 Jahren noch immer funktionsfähig und in den Gottesdiensten im Gebrauch.

Aber welche Disposition, welche Register hatte sie? Leider sind dazu aus der Zeit bis 1655 keine Dokumente erhalten. Doch wir wissen etwas, und das verdanken wir zwei sorgfältig handelnden Orgelbauern, die zu ihrer Bewerbung für Arbeiten an der Orgel eine Untersuchung mit Protokoll vornahmen – Schneegass erhielt 1794 den Auftrag nicht, Klaßmeyer baute dann um 1900 ein romantisches Orgelwerk in das alte Gehäuse ein. Doch davon später mehr.

 

Überlieferte Dispositionen der Cord-Krüger-Orgel und ihre Veränderungen

Aus Kostengründen baute man damals eine verkürzte unterste Oktave der Klaviaturen und des Pedals, weil diese großen Pfeifen teuer waren und weil diese Töne in den damaligen Kompositionen nicht vorkamen. Das war auch bei der Krüger-Orgel in Lübbecke bis um 1904 der Fall. Die unterste Oktave sah zwar fast wie eine gewohnte Klaviatur aus (optisch fehlten Cis, Dis und D und E), doch die Töne Cis und Dis gab es dort nicht und die Tasten waren mit anderen Tönen belegt (U= Untertaste, O=Obertaste): C(U)-D(O!)-E(O!)-F(U)-G(U)-A(U)-B(O)-H(U), ab kleinem c dann weiter wie gewohnt chromatisch. Da sind Pianisten heute ganz verblüfft, und Organisten, die auf erhaltenen alten Orgeln Konzerte spielen wollen, müssen umdenken und ganz schön üben, bis ihnen das „in den Fingern“ ist.

Eine vergleichbare, etwas erweiterte Grundanlage der Disposition Cord-Krögers einschließlich der speziellen Coppelflöte 4‘ findet sich auch bei der von Hermann Kröger 1653 für die Stadtkirche in Celle erbauten dreimanualigen Orgel. Die Krögers legten die Grundlage für ein Dispositionsprinzip, das auch noch in den Orgeln Arp Schnitgers seine Gültigkeit hatte.

 

 

Spätromantik: Die Ernst-Klaßmeyer-Orgel und ihr Umbau

 

Abb. 2: Prospekt der Ernst-Klaßmeyer-Orgel, Zustand um 1958

Das Foto (Abb: 2) zeigt den erweiterten, alten Prospekt nach dem Umbau 1903/1904 durch Ernst Klaßmeyer, der auch bei weiteren Arbeiten 1951 nicht verändert wurde. Die Erweiterung war notwendig geworden, weil die damals moderne pneumatische Kegelladen-Bauweise mehr Platz benötigte. Das Gehäuse erscheint nun in einem dunklen Braun, ein Brustwerk ist nicht mehr vorhanden.

Den Lübbeckern genügte die alte Cord-Kröger-Orgel wohl nicht mehr. So wandte man sich an Ernst Klaßmeyer aus Kirchheide bei Lemgo. Er hatte sich einen guten Ruf durch den Bau moderner Orgeln erworben. Fast unverändert erhalten sind seine Orgeln in der Ev. Kirche in Hartum (1897, II P 19) und in Hörste/Halle (1899, II P 13). Viele Klaßmeyer-Orgel büßten ihre originalen Prospektpfeifen aus Zinn ein, weil sie im Ersten Weltkrieg zur Herstellung von Granatzündern abgegeben werden mussten – dies Schicksal erlitt auch die Lübbecker Orgel. Die Klaßmeyer-Orgel (1910, II P 21) in der Ev. Kirche in Holzwickede erhielt 2011 eine fachgerechte Restaurierung mit Rückführung auf den Originalzustand durch die Firma Klais aus Bonn – diese Orgel kann uns heute noch am besten einen Eindruck vermitteln, wie die romantische Klaßmeier-Orgel in der St.-Andreas-Kirche wohl geklungen hat.

Ernst Klaßmeyer stammte aus Talle, wo er am 2.2.1840 geboren wurde, er verstarb am 16.1 1926 in Lemgo. Zunächst hatte er Klavierbau in Bielefeld und Orgelbau bei Carl Krämer in Osnabrück gelernt. Dann arbeitete er bis 1872, vermutlich zuletzt als Meistergeselle, in einer der bedeutendsten deutschen Orgelwerkstätten des 19. Jahrhunderts bei Friedrich Ladegast (1818-1905) in Weißenfels Vermutlich unmittelbar nach dieser anregungsreichen Zeit in Weißenfels gründete er in seiner lippischen Heimat, in Kirchheide bei Lemgo, eine Orgelbauwerkstatt, die später als Firma „Ernst-Klaßmeyer & Sohn“ bis 1942 bestand – 1926 lieferte die Firma die 200. Orgel aus. 1881 hatte Ernst Klaßmeyer den Titel „Schaumburg-Lippischer Hoforgelbauer“ erhalten; 1907 übergab er seinem Sohn Friedrich Klaßmeyer (1880-1943) die Leitung der Firma – vielleicht ist auch der Vorname seines Sohnes eine kleine Dedikation an seinen großen Lehrmeister Friedrich Ladegast. In Lemgo gibt es heute den Ernst-Klaßmeier-Weg (32657 Lemgo Ortsteil Kirchheide)

Bei Ladegast hatte Klaßmeyer die neueste Technik im Orgelbau kennengelernt und hohe Qualitätsstandards vermittelt bekommen, die auch seine zukünftigen Orgelbauten auszeichneten. Er verbesserte 1878 die Kegellade und machte die Ventile nun leichter austauschbar. Die Spieltische der Firma enthielten viele der damals sehr begrüßten Spielhilfen, die man für schnellen Klangfarbenwechsel in der romantischen Orgelliteratur benötigte: feste Kombinationen von pp – ff wie bei Ladegasts Orgeln, automatische Pedalumschaltung bei Manualwechsel, auch die Melodiekoppel wurde eingebaut. Er verwendete die Röhren-Pneumatik und die Kegelladenbauweise mit Registerkanzelle mehr bei größeren Instrumenten wie z. B. bei der Lübbecker Orgel, wo größere Wege der Traktur wie z. B. zu einem freistehenden Spieltisch nötig wurden. Bereits bis 1900 waren seiner Werkstatt 80 neue Orgeln entstanden, die nach Westfalen, in das Rheinland, nach Rheinhessen und in die Niederlande geliefert wurden.

Wir haben es Ernst Klaßmeyer zu verdanken, dass das Cord-Krüger-Gehäuse in Lübbecke die Zeit bis heute zu etwa 80 Prozent überdauert hat. Es spricht für Klaßmeyers Kompetenz, dass er die Bedeutung der erhaltenen Krüger-Orgel erkannte und auch das System der alten Einfachen Springlade in seinem Gutachten richtig erfasste. Daher schlug er der Lübbecker Kirchengemeinde in seinem Gutachten und Angebot (um 1900) drei Möglichkeiten vor:

  1. Generalüberholung, neue Klaviaturen, Ausbau der Manuale bis zum f‘‘‘, Ausbau des Pedals bis zum kleinen d, Manual- und Pedalkoppel
  2. Einbau pneumatischer Kegelladen, Auswechslung einiger Register.
  3. Einbau eines neuen Werkes unter Beibehaltung des alten Prospektes.

Warum sich das Presbyterium für den 3. Vorschlag entschied, bedarf heute noch weiteren Aktenstudiums. Vermutlich überzeugte neben dem guten Ruf des Orgelbauers und seiner Nähe zu Lübbecke für den nachfolgenden Instandhaltungsservice auch die Tatsache, dass man ein ganz modernes Instrument mit allen Spielhilfen erhielt. Um 1900 dachte man im Orgelbau mehr an den Fortschritt als an die Restaurierung alter (veralteter) Orgelbau-Technik. So muss Klaßmeyers Angebot besonders mit dem Focus auf Position 1 heute ganz anders bewertet werden als um 1951 seine Arbeit aus der Sicht der Orgelbewegung.

Da Klaßmeyer entsprechend Position 3 des Angebotes den Bau der Orgel ausführte, musste er wegen der größeren Breite der Registerkanzellen je ein  stummes Pfeifenfelder seitlich im Prospekt anbauen, wodurch auch einige der preußischen Adler verdeckt wurden, die man aber dennoch heller hervortreten ließ. Da, wo einst das Brustwerk war, wurden Holzbretter mit dem um 1900 in Kirchen beliebten Dekor (Anlehnung an gotische Kirchenfenster-Formen) eingebaut – bezeichnenderweise ließ Klaßmeyer aber die originalen kleinen Gitter unterhalb des Hauptwerkes unverändert. Die sparsamen Dekors der angebauten Pfeifenfelder und deren Schleierbretter wirken wie ein verantwortungsvoller Fingerzeig: „Dies gehört eigentlich nicht dazu!“ Wenn man die folgende, bisher unveröffentlichte Abbildung aus den Restaurierungsarbeiten von 1959-1962 mit heranzieht, so wird seine verantwortliche Handlungsweise noch deutlicher: er erhielt sogar die originalen Bretter der Registerzüge, auf denen noch die alten Registerbezeichnungen der Krüger-Orgel aufgemalt waren. Dabei wäre es doch einfacher gewesen, neue Bretter einzusetzen und nicht so viel Zeit mit dem Anpassen der Holzstopfen in die alten Registerstangen-Löcher zu verbrauchen!

 

Abb. 3: Freigelegte originale Teile der Krüger-Orgel während der Rekonstruktion 1959-1962

Abb. 3: Detail. Originale Registerbretter mit den alten Registernamen

 

Die Klaßmeyer-Orgel wurde am Palmsonntag, 25.3.1904, eingeweiht; sie erhielt 1913 ein elektrisches Gebläse, wobei vermutlich auch die Windanlage etwas umkonstruiert werden musste. Gebläse und Windanlage standen in der Kapelle im Kirchturm, die Anlassvorrichtung mit Widerstand für den Gebläse-Motor befand sich in einem kleinen Gehäuse neben dem freistehenden Spieltisch an der Emporen-Brüstung. Der Verfasser erinnert sich noch, dass der alte Elektro-Motor langsam mit Anlasswiderstand hochgefahren werden musste, sonst fing er an zu qualmen und drohte durchzubrennen. 1917 mussten die Prospektpfeifen aus Zinn abgeliefert werden; sie hatten ein Gewicht von 58,50 kg und wurden zum Preis von 6,30 Mark pro Kilogramm vom Reichsmilitärfiskus übernommen; die Prospektpfeifen wurden durch Pfeifen aus Zink, silbern angestrichen, ersetzt; dieser Zustand war auch noch 1959 so gegeben. 1927 wurde die Orgel im Zusammenhang mit der Umgestaltung des Innenraums der St.-Andreas-Kirche gründlich gereinigt. Gegenüber der mechanischen Springlade oder Schleiflade erwies sich die von Röhrenpneumatik angesteuerte Registerkanzelle mit ihren Kegeln und Bälgchen als recht wartungsintensiv.

Durch die Orgelbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand eine Abkehr von der romantisch-symphonischen Orgel und ihrer pneumatischen Spieltraktur statt: Man erkor die Orgeln eines Arp Schnitger mit ihren mechanischen Springladen und mechanischer Traktur zum Ideal und baute nun „neo-barockisierend“ entweder neu oder alte Orgeln des 19. Jahrhunderts um. Dabei gingen viele wertvolle Orgeln aus der romantisch-symphonischen Orgelbau-Epoche verloren.

 

Abb. 4: Freistehender pneumatischer Spieltisch der Lübbecker Orgel. Zustand 1959.

In seinem Gutachten vom 6.9.1951 schrieb der Orgelsachverständigen Prof. Arno Schönstedt aus Herford : Die Kegellade der Lübbecker Orgel verwendet „… außerordentlich große Membrane und Kegel, die sich bei schnellen Tonwiederholungen nachteilig auswirken.“ Die Orgelbau-Firma Förster & Nikolaus aus Lich/Hessen erhielt den Auftrag, die Lübbecker Orgel im Sinne des Neo-Barock umzuarbeiten. 1952 wurden 17 Klaßmeyer-Register umgearbeitet und vier neue Register hinzugefügt, die pneumatischen Kegelladen wurden beibehalten. Damit war der Klang der Klaßmeyer-Orgel praktisch nicht mehr existent, zumal sie schon 1917 ihre originalen Prospektpfeifen verloren hatte.

 

Klaßmeyers romantische Disposition zeigt ein Hauptwerk voll Kraft (1904: Nr. 1,2,5,7,8,9,10) aber auch voll dunklem weichen Schmelz (1904: Nr. 1,3,4,6). Das Oberwerk ist als reines Farbenwerk disponiert: die vier 8-füßigen Register lassen einzeln oder in Mischungen eine Palette von Farben zu, die jeweils passend durch die beiden 4-füßigen Register aufgehellt werden können. Das Pedal hat reine Bassfunktion.

1951 wurde die Disposition im Sinne des Neo-Barock aufgehellt. Wie man an den Veränderungen (rot) sieht, wurden die alten Klaßmeyer-Pfeifen umgestellt, abgeschnitten, neu intoniert oder durch neue Registeranfertigungen von Förster & Nikolaus ersetzt. Glücklicherweise war wohl um 1950, in der Nachkriegszeit und kurz nach der Währungsreform 1948, nicht genug Geld für einen vollständigen Neubau vorhanden – damals gab es übrigens auch noch Hunger in Lübbecke. So blieb das Cord-Kröger-Gehäuse glücklicherweise wieder erhalten.

 

 

Orgelbewegung und Neo-Barock: Die Gustav-Steinmann-Orgel im restaurierten Gehäuse

 

Abb. 5: Das restaurierte Gehäuse der Cord-Krüger-Orgel. Zustand ab 1964

 

Die Restaurierung der Kirche 1959-1961 war von dem Gedanken geleitet, möglichst wieder den Urzustand des Kirchengebäudes und seiner Inneneinrichtung als Gesamteindruck herzustellen. Zugleich sah die Kirchengemeinde auch die Chance, eine neue Orgel im alten, rekonstruierten Gehäuse zu errichten, zumal in Münster das Denkmalamt in Zusammenarbeit mit der Orgelforschungsstelle der Universität die Seltenheit und damit die Erhaltenswürdigkeit des Gehäuses anerkannt hatten. Daher waren alle Beteiligten bemüht, das Gehäuse wieder auf den Urzustand zurückzuführen. Dass es wohl das einzige von Cord Krüger erhaltene Gehäuse ist, war damals ebenso unbekannt wie auch die Bedeutung, die Cord Krüger im norddeutschen Orgelbau und im Technologie-Transfer bis hin zu Arp Schnitger hat.

Die Wahl für einen Werkneubau nach barocken Vorbildern fiel auf die Orgelbauwerkstatt Gustav Steinmann in Vlotho-Wehrendorf, eine Orgelbauer-Familie (heute in der 4. Generation), die den Ideen der Orgelbewegung schon seit den 1920er Jahren eng verbunden war. 1928 hatte die Firma in der Paulus-Kirche in Bielefeld den größten Orgelneubau dieser Zeit ausgeführt (III P 51), 1956 war ein großes Instrument für die Marienkirche in Herford (III P 39) gebaut worden und 1960 erhielt die Petri-Kirche in Herford ebenfalls ein Instrument von Steinmann (III P 31). Prof. Arno Schönstedt aus Herford, zuständiger Orgelsachverständiger, kannte diese Instrumente sowie auch deren solide Bauweise.

Gustav Steinmann I (1885-1953) hatte bei der in Deutschland sehr angesehenen Orgelbaufirma Furtwängler & Hammer (Hannover) das Orgelbau-Handwerk erlernt und seinen Meister gemacht. Diese Firma hatte moderne Fertigungsmethoden mit Maschinen eingeführt – Erfahrungen, die Gustav Steinmann später weiter nutzte. Durch die Auflösung der Orgelbaufirma Meyer in Herford war eine Marktlücke entstanden, die Gustav Steinmann mit der Neugründung seiner Firma 1910 in Vlotho-Wehrendorf auszufüllen hoffte. Dank der Investition in moderne Bearbeitungsmaschinen konnten die Präzision verbessert und Herstellungsabläufe verkürzt werden. In der Zeit von 1923-1933 wurden über 100 Orgeln und rund 1500 Harmonium-Instrumente hergestellt sowie 15 Orgeln in die Niederlande geliefert. Eine Filiale entstand in Dessau. Als der zweitälteste Sohn Gustav  Steinmann II (1913-1997), der in Ludwigsburg seinen Meister gemacht hatte, die Geschäfte übernahm, begann in der Nachkriegszeit ab den 1950er Jahren der Wiederaufbau zerstörter Kirchen und Orgeln.

Es ist auch die Zeit der Umorientierung im Orgelbau und die Hinwendung zum Ideal der Barock-Orgel – nun allerdings mit neueren Erkenntnissen aus der Musikforschung. Gustav Steinman II hatte bei Restaurierungen und Erweiterungen alte Bautechniken kennengelernt. Die Zeit des fabrikartigen Massen-Orgelbaus war vorüber, und individuelle Instrumente von hoher Dauerhaftigkeit unter Verwendung alter Bauprinzipien waren gefragt. In der folgenden Zeit lieferte Steinmann mechanische Schleifladen-Orgeln für viele Kirchen in Ostwestfalen-Lippe, die auch heute noch ihren Dienst tun.  Als Gustav Steinmann II 1978 die Firma an die dritte Generation übergab, war der Auftrag für die 556. Orgel eingegangen.

Die Lübbecker Orgel entstand als Opus 288 der Orgelbaufirma Gustav Steinmann. Zuständig war Gustav Steinmann II, die Intonation nahm ein Mitarbeiter namens Sieland vor, der auch der Leiter der Harmonium-Herstellung bei Steinmann war. Die Disposition stammt von Prof. Arno Schönstedt aus Herford. Obwohl die Disposition der Kröger-Orgel aus dem Jahre 1794 bekannt war, folgte Schönstedt hier seinen eigenen Standard-Vorstellungen. Die Spielanlage fand nun wieder unter dem Brustwerk ihren originalen Platz; Traktur und Laden waren nach dem bewährten Prinzip der mechanischen Schleiflade, aber mit moderneren Materialien gefertigt, das Pfeifenwerk bestand nun aus hochwertigen Zinnlegierungen und die Windversorgung wurde auch mit neuem Schleudergebläse und neuer Balganlage ausgeführt. Die Orgel hat seit 1962 25 Register auf zwei Manualen und Pedal.

Mit der Rücksetzung des rekonstruierten Gehäuses hatte die Kantorei nun auch mehr Platz auf der Empore für Aufführungen gewonnen – bei größeren Werken mit Orchester fanden die Aufführungen weiterhin im Chorraum statt, wo auch das 1957 von Führer (Wilhelmshaven) gelieferte Positiv als Continuo-Instrument genutzt wurde. Es hatte folgende Disposition:

Gedackt 8‘ / Rohrflöte 4‘ / Prinzipal 2‘ / Cymbel 2f. (Getrennte Schleifen bei c1 für alle Register).

Eine neue Orgel für die St.-Andreas-Kirche

 

Die Virtuosität der Organisten hat sich allgemein in den letzten 40 Jahren sehr gesteigert. Dadurch erweiterte sich auch das Repertoire an Orgelliteratur aus verschiedenen Epochen und Ländern im Gottesdienst und in den Konzerten. Das Neo-Barock-Ideal wurde einer kritischen, durch Forschung gestützten Revision unterzogen. Auch den Wert romantischer Orgeln begann man wieder zu schätzen.

Die letzten Reparaturen der Lübbecker Orgel 1992 und 2010, bei denen eine Änderung des Winddrucks und Nachintonation einiger Register vorgenommen wurden, haben deutliche konstruktive und klangliche Mängel hervortreten lassen: es ist heute kein angemessenes Instrument, das der Bedeutung der Region Lübbecke mit ihrer reichen kirchenmusikalischen Tradition entspricht. Nach Ansicht der Fachleute sind seine technischen und klanglichen Möglichkeiten für ein breites Spektrum der Orgelmusik sehr begrenzt. Daher fiel die Entscheidung, nicht weiter nachzubessern, sondern die Mittel gleich sinnvoll in einen Werkneubau unter Beibehaltung des wertvollen Cord-Krüger-Gehäuses zu investieren.

In der Planung (Stand 2018) ist ein für die Region bedeutsames Instrument hinsichtlich Größe, Qualität und Möglichkeit einer großen Vielfalt der Orgelliteratur, um Konzertante Orgelmusik als weiteren kulturellen Schwerpunkt in der Gemeinde und als Attraktion für die Region des Lübbecker Landes am Wiehengebirge zu erschließen. Mit der neuen Orgel soll in der St. Andreas-Kirche zugleich ein Ausbildungsschwerpunkt entstehen, mit dem die Kirchenmusik im Kirchenkreis selbst und – darüber hinaus auch weiträumig – der Organisten-Nachwuchs gefördert werden kann.

 

Aktuelle Disposition des Instrumentes