Eine Europareise nach Hannover

Orgelexkursion in die niedersächsische Landeshauptstadt

Vielfalt, genauer: europäische Vielfalt war das Motto der Orgelfahrt, die Anfang September ca. 15 Orgelinteressierte nach Hannover führte. Eingeladen hatten wie in den vergangenen Jahren der Lübbecker Kirch- und Orgelbauverein und die Orgelfreunde aus Espelkamp. Vor Ort wurde die Gruppe zunächst von Karl-Jürgen Kemmelmeyer begrüßt. Der emeritierte Musikprofessor und Ehrenvorsitzende des Lübbecker Vereins freute sich, den Besuchern die bedeutende und vielseitige Orgellandschaft der Stadt, die den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2025 anstrebt, mit einem abwechslungsreichen Programm näherbringen zu können.

Italienische Orgel in der Marktkirche

Erste Station der musikalischen Reise war die Marktkirche, die Bischofskirche der Hannoveraner. Hier übernahm Stadtorganist Ulfert Smidt die Führung der Gäste aus dem Lübbecker Land und stellte ihnen als erstes die italienische Orgel vor. Das um 1780 erbaute Instrument befindet sich seit 2003 in der Marktkirche und besitzt sieben Register, darunter die „Voce umana“, die den Klang der menschlichen Stimme nachahmt. Trotz seiner eher geringen Größe beeindruckt es durch einen vollen Klang. Smidt verdeutlichte diesen durch Werke zweier italienischer Komponisten. Einen besonderen Effekt erzielte er am Schluss durch den Einsatz des „usignolos“, bei dem durch kleine Pfeifchen Wasser in Schwingungen versetzt wird. Auf diese Weise werden Töne erzeugt, die an Vogelgezwitscher erinnern.

Große Orgel in der Marktkirche

Nach der „italienischen Prinzessin“ stellte der Organist der Besuchergruppe die Königin der Marktkirche in Gestalt der Großen Orgel vor. Deren Werk wurde im Jahr 2009 von der schweizerischen Firma Goll (Luzern) in ein ganz im Stil seiner Zeit (Baujahr 1954) gehaltenes, imposantes denkmalgeschütztes Gehäuse eingebaut. Die stilistisch vielfältigen Möglichkeiten des Instruments stellte Smidt den beeindruckten Zuhörern mit ganz unterschiedlichen Werken aus verschiedenen Epochen und europäischen Regionen vor. Neben Kompositionen von Jan Pieterszoon Swelinck (Niederlande) und Dietrich Buxtehude (Deutschland) erklang „L‘Apparition de l’Église éternelle“ des französischen Komponisten Olivier Messiaen. Vor allem die chromatische aufsteigende Stimmführung und der Einsatz des Schwellwerkes ließen hier den Eindruck einer gotischen Kathedrale vor dem inneren Auge der Zuhörer entstehen. Den Abschluss der Darbietung bildeten Präludium und Fuge über das Motiv B-A-C-H des österreichisch-ungarischen Komponisten Franz Liszt, die der Jungstudent Perry Kufferath auf beeindruckende Weise zu Gehör brachte.

Spanische Orgel in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis
Bach-Orgel in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis

Gestärkt durch Pizza und Pasta ging es für die Besucher weiter zur Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis, wo es die Spanische Orgel und die Neue Bach-Orgel zu erkunden galt. Die Spanische Orgel wurde 2001 von Patrick Collon (Belgien) nach barocken spanischen Orgelbauprinzipien errichtet. Eine allein schon optische Besonderheit stellen die Horizontalpfeifen (Trompeten) dar. Smidt verdeutlichte die Klangpracht der barocken spanischen Orgelmusik mit drei abwechslungsreichen Kompositionen. Die Neue Bach Orgel wurde im Jahr 2019 durch die belgische Werkstatt Manufacture d’orgues Dominique Thomas (Stavelot) gebaut. Sie weist Elemente eines süd- und mitteldeutschen Orgelbaustils auf und wurde von Ulfert Smidt mit Werken von Bruhns und Johann Sebastian Bach vorgeführt.

Englische Orgel in der Nazareth-Kirche

Abschließender Halt der Reise war die Nazareth-Kirche in der Hannoveraner Südstadt, wo den ostwestfälischen Orgelinteressierten mit der Englischen Orgel ein Einblick in die britische Orgelbaukunst geboten wurde. Ursprünglich befand sich das 1902 gebaute Instrument, wie Organist Oliver Kluge erläuterte, in der Christ Church in Llandudno/Wales. Im Jahr 2018 gelangte es, zunächst für die St. Johannis-Kirche gedacht, nach Hannover und ersetzt nun die stark reparaturbedürftige Schuke-Orgel in der Nazareth-Kirche. Während Orgeln in England ursprünglich als Konzertinstrumente eingesetzt wurden und dabei oft einen Ersatz für ein ganzes Orchester bildeten, kamen sie erst spät im gottesdienstlichen Rahmen zum Erklingen. Charakteristisch für den englischen Orgelbau sind daher, so Kluge, die ökonomische Disposition und ein sogenanntes Chormanual, das besonders für die Begleitung des Gemeindegesangs im Gottesdienst eine Rolle spielt. Das Pedal hielt als Element des europäischen Kontinents erst spät Einzug in die Orgelkonzeption auf der Insel. Nach der Vorführung verschiedener Register stellte Kluge das Instrument der Besuchergruppe u.a. mit einer Komposition (2. Orgelsonate) von Felix Mendelssohn Bartholdy vor.

Voller neuer musikalischer Eindrücke aus der „Orgelstadt“ Hannover machte sich die Gruppe auf den Heimweg von der Leine an den Wiehen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer bedankten sich bei Kantor Heinz-Hermann Grube, der die Fahrt organisiert hatte, und freuen sich schon auf eine Neuauflage im kommenden Jahr.

Ina Härtel